Menschen in Marzahn
Dr. Harald Buttler
Bürgermeister von Berlin-Marzahn
Dr. Harald Buttler war von 1995 bis 2000 Bürgermeister von Berlin-Marzahn.
Als Kandidat der PDS kam er ins Amt, nachdem er bei der vorherigen Wahl
nicht zum Zuge kam, obwohl die Partei die meisten Stimmen gewann.
Herr Buttler ist einer der Berliner Bezirksbürgermeister, die
nicht durch laute Reden, sondern durch bürgernahes Auftreten und leise,
aber konstruktive Worte auffallen. So kommt es, daß viele Marzahner
seine Arbeit für den Bezirk kennen, nicht aber seinen Namen.
Als überzeugter Marzahner der ersten Stunden und jemand, der
die Entscheidung für Marzahn als Wohnort bewußt traf, freut es ihn
besonders, Verantwortung für seinen Bezirk zu tragen. Dabei ist für ihn
die Vielschichtigkeit des Bezirkes besonders interessant und auch die
Arbeit mit den anderen Parteien, die im Bezirksamt und der Bezirksverordnetenversammlung vertreten sind, ist spannend. Trotzdem zeichnet ein respektvolles Miteinander die Sacharbeit aus. Wir wollen ein kleines Bild unseres
Bürgermeisters zeichnen und führten mit ihm folgendes Gespräch.
Linie 7: Herr Dr. Buttler, wie lange wohnen Sie in Marzahn?
Seit 1981. Ich habe mich damals bewußt für eine Wohnung in Marzahn entschieden und es
war für mich eine große Sache, als ich die AWG-Wohnung in der damaligen Bruno-Leuschner-Strasse
bekam. Vorher wohnte ich in Weißensee sehr beengt, in einem Haus, in dem sich die
Bewohner mehrerer Wohnungen die Sanitäreinrichtungen teilen mußten.
Linie 7: Was war ihr erster Gedanke, als Sie die Wohnung in Marzahn bekamen?
Für mich war die erste Empfindung eine soziale Befreiung und Erfüllung. Warmes Wasser aus der Wand und die
Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können (ich war damals als Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften wissenschaftlich
tätig) kamen hinzu.
Linie 7: Was ist Ihr liebster Platz in Marzahn?
Schwer zu sagen. Zuerst einmal meine eigene Wohnung. Hierher kann ich mich nach getaner Arbeit zurückziehen.
Linie 7: Was mögen Sie am meisten in Marzahn?
Die Menschen, die freiwillig hier hergezogen sind und Spaß daran haben, an
der Umgestaltung mitzuwirken und etwas für den Bezirk zu tun. Besonders
spannend ist für mich, daß viele Städte über ein Jahrhundert gewachsen sind,
Marzahn dafür aber nur wenige Jahre gebraucht hat. Gleichzeitig sehe ich die Herausforderung, daß die Marzahner hier ihr Leben
selbst gestalten und einbezogen werden.Die Gestaltung des Bezirkes ist ja
nicht nur eine Aufgabe des Bezirksamtes.
Linie 7: Was gefällt Ihnen am Bezirk am wenigsten?
Das größte Problem ist erst einmal die Arbeitslosigkeit. Die ist übrigens nicht zuerst im Bezirk entstanden, sondern auf die zunehmenden Arbeitsplatzverluste in anderen Bezirken, auch im Westteil, zurückzuführen.
Darauf muß im Bezirk reagiert werden. Intensive Anstrengungen im Bezirk reichen leider nicht aus, um die Arbeitslosigkeit zu kompensieren.
Die Unsauberkeit ärgert mich sehr,
auch die Jugendproblematik ist ein Problem. Es fehlen immer noch Ausbildungsplätze, obwohl viele Firmen in der Lage wären, auszubilden.
Alle sollten daran mitwirken, daß ein Klima im Bezirk geschaffen wird, daß
die Menschen sich sicher und geborgen fühlen. Das gilt besonders auch für
Ältere und Behinderte.
Linie 7: Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in Marzahn?
Das Restaurant "Malibu" im Freizeitforum Marzahn. Dort bin ich öfter zu Gast.
Aber auch andere Gaststätten im Bezirk gefallen mir gut.
Linie 7: Wie könnte man das Image Marzahns verbessern?
Ich erkenne eigentlich keinen Leidensdruck bei den Marzahnern, wenn sie ihre
Stadt annehmen, verteidigen, was sie selber einbringen. Es sollte mehr
Selbstbewußtsein aktiviert werden.
Bei den Medien sollten als vierte Macht im Staat mehr Interesse geweckt
werden. Nicht Ereignisse machen Marzahn schlecht, sondern oftmals die
Berichterstattung darüber. Es ist sehr schwer, die Medien zu überzeugen,
auch über positive Dinge im Bezirk zu berichten.
Dabei hat Marzahn so viel zu bieten. Eine Einrichtung wie das Freizeitforum
gibt es in unserer Region nicht ein zweites Mal, auf die Sportbewegung im
Bezirk kann man stolz sein.
Allein die Chance, seinen Bezirk einmal von oben zu erleben, ist einmalig.
Schauen Sie doch einmal aus einer anderen Ebene auf Ihren Bezirk. Da bietet
sich ein Blick aus einem Hochhaus oder von den Bergen am Erholungspark an.
So bekommt man eine Wahrnehmung vom vielen Grün in Marzahn.
Linie 7: Hätten Sie sich je vorstellen können, einmal eine Bürgermeister-Amtskette zu tragen (Gibt es überhaupt eine?)
Eine Amtskette gibt es nicht. Vielleicht sollte man einmal eine anschaffen,
aber momentan gibt es genug andere Probleme, die gelöst werden müssen.
Als ich 1990 die Entscheidung traf, Verantwortung für Marzahn zu
übernehmen, nachdem ich bis dahin "nur" Bewohner war, habe ich einen bewußten
Entschluß getroffen, etwas für meinen Bezirk zu tun. Vorher hätte ich mir
das jedoch kaum vorstellen können.
Linie 7: Ist es schwierig, gerade als PDS-Mitglied als Bürgermeister zu arbeiten?
Nein. Immerhin wollten bei der Wahl 45,8% der Wähler die PDS in der Verantwortung sehen. Natürlich ist es für mich ein Spagat zwischen der Rolle der PDS als Opposition in Bund und Land Berlin und meinem Amt als Bürgermeister.
Es ist daher wichtig für mich, deutlich zu sagen, woran
die PDS keine Schuld trägt, viele Dinge werden ja nicht im Bezirk sondern im Senat oder von der Bundesregierung
beschlossen.
Die Arbeit mit den anderen in Bezirksamt und BVV vertretenen Parteien zeichnet sich aber durch eine konstruktive Zusammenarbeit in Sachfragen und einen respektvollen Umgang miteinander aus. Als Bürgermeister obliegt mir die Aufgabe der Moderation zwischen den verschiedenen Einzelinteressen der Parteien, um konsensfähige Lösungen im Interesse aller zu finden.
Es bleibt noch zu erwähnen, daß es keine Benachteiligung des Bezirkes durch den Senat gibt, weil der Bürgermeister der PDS angehört.
Linie 7: Wir wissen, daß Sie sich für Computer und die neuen Medien interessieren.
Ich beschäftige mich seit Mitte der 80er Jahre beruflicherseits mit Computern. Begonnen hat alles mit
einem Robotron-Rechner 1715.
Später war ich stark mit Informatik beschäftigt, so
in der Akademie der Wissenschaften, aber auch in der freien Wirtschaft.
Besonders interessieren mich logische Prozesse der Informatik und die Grenzbereiche der neuen Technik, besonders die Integration anderer wissenschaftlicher Bereiche.
Auch in meinem Amt setze ich mich für die Nutzung der
Computertechnik ein. So habe ich auch einen Anteil an der
Einführung von PC's im Bezirksamt, wo bis heute 650
Computerarbeitsplätze entstanden sind. Für eine rationelle Arbeitsweise sind diese nicht mehr wegzudenken. Wichtig ist das Anschieben der Prozesse,
damit diese dann eine Eigendynamik entwickeln.
Noch in diesem Jahr soll das Angebot des Bezirksamtes
im Internet starten. Das Bezirksamt will beweisen, daß
eine moderne Kommune ohne Nutzung der neuen Medien unvorstellbar ist. Sämtliche den Bürger betreffende Informationen sollen dargestellt werden. Wer Informationen zum Monopol einzelner erklärt, hat in der
heutigen Zeit schon verloren. Den einzelnen Abteilungen
des Bezirksamtes wird die Möglichkeit gegeben, durch
leicht zu bedienenden Office-Lösungen ihre Daten ins Netz einzuspeisen.
Linie 7: Was ist Ihre Lieblingsspeise?
Hefeklöße und Blaubeeren.
Linie 7: Wo verbringen Sie am liebsten Ihren Urlaub?
Seit einigen Jahren habe ich eine Art "KUrlaub" für mich entdeckt, den ich in Tschechien verbringe. So verbinde ich Erholung mit einem Beitrag für meine Gesundheit.
Linie 7: Herr Dr. Buttler, wir bedanken uns für das Gespräch. Für Ihre weitere Amtszeit wünschen wir Ihnen Erfolg und viel Freude in der verantwortungsvollen Arbeit als Bürgermeister!