Historische Stadtplanungen für den Berliner Nordosten
Städtebaulich-historische Dokumentation von Dr. Günter Peters
Teil 2
Wettbewerb Groß-Berlin 1910
Um die Jahrhundertwende hatte der Gedanke zur Verbesserung der Wohnverhältnisse der arbeitenden Bevölkerung weite Kreise einflußreicher Personen, vorwiegend Sozialpolitiker, Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Architekten erfaßt. Scharf kritisiert wurden die bisherige Berliner Baupolitik mit ihrer Städteplanung
und die überholte Baugesetzgebung. Das sprunghafte Ansteigen der Berliner Bevölkerung von 1871 mit 0,8 Millionen auf 2,0 Millionen Einwohner im Jahre 1905 führte zu einer städtebaulichen und sozialen Verdichtung, verbunden mit katastrophalen Wohnverhältnissen.
Die beiden Berliner Architektenverbände ergriffen 1907 die Initiative mit der Schrift "Anregungen zur Erlangung
eines Grundplanes für die städtebauliche Entwicklung von
Groß-Berlin". Sie enthielt Leitsätze und Forderungen wie
die Schaffung eines "großzügigen Netzes von Hauptverkehrsstraßen, von Schnellbahnen und Wasserwegen", die
"Freihaltung ausgedehnter Wald- und Wiesenflächen und die
tunlichste Vorherbestimmung von Plätzen für öffentliche
Gebäude". Aufgrund der bestehenden Zersplitterung
Berlins blieben diese Planungen jedoch nur Stückwerk
und erreichten den Berliner Nordosten kaum.
Berlin und die umliegenden Städte und Gemeinden
schrieben 1908 den über Deutschland hinaus beachteten Wettbewerb zu einem "Grundplan für die Bebauung von Gross-Berlin" aus. Mit diesem Wettbewerb erhoffte man sich Vorschläge für die weitere Entwicklung Berlins
zu einer 10-Millionen Weltstadt. Durch eine ringförmige
Ausdehnung der Bebauung über die damaligen Stadtgrenzen hinaus wurden unterschiedliche Funktionsbereiche angestrebt. Radialstraßen, eingebunden in
Grünanlagen, sollten bis in das Zentrum führen. Auch
Vorschläge für radiale Eisenbahnlinien waren erwünscht.
Sie sollten die Möglichkeit schaffen, neue Siedlungen in den Außenbezirken zu bauen, verbunden mit einem weiteren Wald- und Wiesengürtel um die Stadt. Dies galt auch für den Nordostraum.
Am 19. März 1910 vergab das Preisgericht zwei erste
Preise sowie einen dritten und einen vierten Preis.
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Grundplan von Hermann Jansen (Ausschnitt)
(Verlag Ernst Wasmuth AG 1911)
Einen ersten Preis erhielt Hermann Jansen, der seinen
Entwurf unter das Motto "In den Grenzen der Möglichkeit"
stellte. Sein Grundplan für die bauliche Entwicklung von
Groß-Berlin enthielt großzügige Vorschläge für die
Ansiedlung der Bewohner, einschließlich der Schaffung
von Schnellverkehrsverbindungen sowie von Wald- und Wiesengürteln.
Im Verkehrslinienplan wurde erstmals der
Bau einer nordöstlichen Ausfallstraße nach Stettin, einer
Gürtelbahn und einer Linie 14 von Berlin über Marzahn
und Altlandsberg nach Strausberg geplant. Nach dem
Freiflächenplan sollte ein Grünzug entlang der Wuhle von
Köpenick nach Biesdorf, Marzahn, Ahrensfelde und
Wartenberg geschaffen werden.
Joseph Brix, Felix Genzmer und die Hochbahngesellschaft zu Berlin erhielten für ihren Entwurf mit dem
Kennwort "Denk an künftig" einen weiteren ersten Preis.
Ihr Grundplan sah eine äußere Ringstraße um das Gebiet
von Groß-Berlin vor. Im nordöstlichen Bereich sollte sie
Erkner, Rüdersdorf, Altlandsberg, Seefeld, Bernau und
Velten verbinden. Auch ein innerer Ring war geplant. Ein
Abschnitt dieses Ringes führte von Köpenick über
Kaulsdorf, Hellersdorf und Ahrensfelde in den Norden.
Zweckverband Groß-Berlin 1911
Mit dem 1911 beschlossenen und 1912 in Kraft getretenen Gesetz über den Zweckverband Groß-Berlin
wurde ein erster Versuch zur Lösung der anwachsenden
Probleme zwischen Berlin und dem Umland gemacht.
Dem Zweckverband gehörten die Stadtkreise Berlin,
Charlottenburg, Schöneberg, Neukölln (Rixdorf),
Deutsch-Wilmersdorf, Lichtenberg und Spandau sowie
die Landkreise Teltow und Niederbarnim an. Damit
waren auch die Dörfer bzw. Gutsbezirke Biesdorf und
Marzahn (heute Bezirk Marzahn), Falkenberg,
Hohenschönhausen, Malchow und Wartenberg (heute Bezirk
Höhenschönhausen), Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf (heute Bezirk Hellersdorf) des Kreises Niederbarnim
in diesem Verband zusammengeschlossen.
Auf dem Gebiet des Zweckverbandes von etwa 3.500 Quadratkilometern lebten in 374 Gemeinden 4,1 Millionen Einwohner. Die eng begrenzten Verbandsaufgaben bestanden in der gemeinsamen Regelung von
Nahverkehrsfragen, der Abstimmung von Bebauungsplänen und dem Erwerb von Erholungsflächen. Es
entstanden Nahverkehrsplanungen und es kam zur
Übernahme der Straßenbahn durch die Stadt. Ein
leistungsfähiges elektrisches Schnellbahnsystem entstand
jedoch erst in den zwanziger Jahren. Den größten Erfolg
hatte der Verband beim Erwerb von Freiflächen vom
Preußischen Fiskus. Am 20. Oktober 1915 wurde der sogenannte Dauerwaldvertrag zum Ankauf von ca. 10.000
Hektar zu einem Preis von 0,50 RM je Quadratmeter
abgeschlossen. Dem Zweckverband ist es zu danken, daß
Berlin noch heute über so große Waldflächen verfügt. Der
Zweckverband führte auch Untersuchungen über eine
mögliche Zunahme der Einwohner im Umkreis der vorhandenen und geplanten Schnellbahntrassen durch.
Durch den Zweckverband wurde für den Berliner Nordosten folgende
Bevölkerungsentwicklung ermittelt (Planungsstand
Januar 1917):
Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Marzahn:
| Ortsbezeichnung | vorh.Einw.1910 | mögl.Einwohner |
| Biesdorf | 1957 EW | 256000 EW |
darunter Nord | keine Ang. | 93000 EW |
Marzahn | 179 EW | 85000 EW |
gesamt | 2136 EW | 341000 EW |
Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Hohenschönhausen:
| Ortsbezeichnung | vorh.Einw.1910 | mögl.Einwohner |
| Hohenschönhausen | 5300 EW | 88000 EW |
Wartenberg | 439 EW | 21000 EW |
Malchow | 821 EW | 15000 EW |
Falkenberg | 708 EW | keine Ang. |
gesamt | 7268 EW | 124000 EW |
Entwicklungen im heutigen Gebiet des Bezirkes Hellersdorf:
| Ortsbezeichnung | vorh.Einw.1910 | mögl.Einwohner |
| Mahlsdorf | 4215 EW | 67000 EW |
darunter Nord | keine Ang. | 23000 EW |
Kaulsdorf | 2381 EW | 105000 EW |
darunter Nord | keine Ang. | 22000 EW |
Hellersdorf | 529 EW | keine Ang. |
gesamt | 7125 EW | 172000 EW |
Die anderen mit seiner Gründung verbundenen Aufgaben konnte der Zweckverband jedoch nicht so
erfolgreich lösen. Der Zweckverband war eine Minimallösung. Das Konkurrenzdenken der einzelnen Berliner
Nachbargemeinden machte die Durchsetzung der Idee,
ein großes und einheitliches Berlin zu schaffen, noch
nicht möglich.
Teil 3 der Dokumentation