Historische Stadtplanungen für den Berliner Nordosten
Städtebaulich-historische Dokumentation von Dr. Günter Peters
Teil 1
Zur Einleitung
Die vorliegende städtebaulich-historische Dokumentation
erscheint aus Anlaß der Ausstellung "Historische Stadtplanungen für den Berliner Nordosten" , die vom 17. November
1997 bis zum 11. August 1998 im Heimatmuseum Marzahn-Hellersdorf zu sehen
war. Ziel der Ausstellung wie der Dokumentation war es, die
Siedlungsgeschichte des nordöstlichen Stadtraumes
Berlins sichtbar zu machen. Unterstützt wird dieses
Vorhaben durch die Veröffentlichung einer Vielzahl von
städtebaulichen Planwerken aus den letzten beiden
Jahrhunderten. Diese zum Teil erstmalig in diesem
Zusammenhang vorgelegten Zeugnisse der Vergangenheit
offenbaren die lange Tradition, die auch dieses Gebiet in
der Berliner Planungsgeschichte hat. Der interessierte
Zeitzeuge wird mit Erstaunen feststellen, daß die
Besiedelung und Urbanisierung des Berliner Nordostens
keinesfalls eine Idee des realen Sozialismus war, sondern
schon vor über hundert Jahren Ziel kühner städtebaulicher
Planungen.
Die Siedlungsgeschichte des nordöstlichen Umlandes von
Berlin beginnt im 12. /13. Jahrhundert mit der Anlage der
märkischen Dörfer. Es folgten Jahrhunderte, in denen sich
diese Region relativ unabhängig von Berlin entwickelte
und das idyllische Dasein in der Abgeschiedenheit des
weiten märkischen Landes führte, mit jenem anheimelnden
Stück Romantik, das man noch heute an manch
erhalten gebliebenem Dorfanger erahnen kann. Als in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die sprunghaft wachsende
Metropole Berlin, einem riesigen Kraken gleich, ihre
Arme nach allen Richtungen ausstreckte, blieb auch der
Nordosten nicht verschont.
Dampfende Eisenbahnen
durchschnitten nun die ldylle der märkischen Landschaft
und brachten Arbeitskräfte und die landwirtschaftlichen
Produkte der Bauern in die Großstadt. Die Ausstöße der
unterirdischen Kanalisation der Millionenstadt ergossen
sich auf die Riesefelder um die barnimschen Dörfer und
produzierten nicht nur reiche Riesel- und Gemüsebauern,
sondern waren auch "unfein zu erriechen". Dies trug wenig
zur Attraktivität dieser Standorte bei. Doch nicht nur die
Abwässer der Großstadt wurden hier entsorgt, auch die
Toten fanden auf riesigen Friedhöfen hier ihre letzte Ruhe.
Darüber hinaus entstanden ausgedehnte Krankenhauskomplexe.
War man also von Seiten der Berliner Behörden jahrzehntelang
bemüht, die unangenehmen Auswirkungen der Großstadt im
Nordosten abzuwerfen, so änderte sich mit
der Jahrhundertwende die Sichtweise. Angesichts einer
immer mehr aus den Nähten platzenden Großstadt und
gigantischer Baulandpreise wurde das Umland prädestiniert
für siedlungsbezogene Planungen. Die ersten Vorstellungen
entstanden mit der Absicht, durch die Anlage eines
Kanals von Köpenick bis Tegel im Norden der Stadt
attraktive Industrie- und Wohnstandorte für die
prosperiernde Großstadt zu schaffen. Damit war diesem
Gebiet die "Jungfräulichkeit" genommen. Alle nun
folgenden städtebaulichen Planungsvorstellungen
enthielten auch für den Nordostraum Berlins ungeheure
Siedlungsperspektiven. Über eine Million Einwohner
plante man auf dem Gebiet der heutigen Stadtbezirke
Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen
anzusiedeln.
Letztlich landeten jedoch all diese Vorschläge aus den
unterschiedlichsten Gründen stets in den Schubladen der
Verantwortlichen und gerieten damit in Vergessenheit.
Diese geschichtlichen Planwerke aus dem dunklen Vergessen
der Vergangenheit hervorgeholt und mit dcn realisierten
Vorhaben der letzten zwanzig Jahre in Beziehung
gesetzt zu haben, war eines der wichtigsten Anliegen dieser
Ausstellung. Dabei sollte mit der Aufnahme des Flächennutzungsplanes 1994 auch ein perspektivischer Blick ins
21. Jahrhundert ermöglicht werden.
Berlin greift nach den Dörfern
Von der Mitte des 19.Jahrhunderts bis 1918 entwickelten
sich Berlin sowie die Städte und Dorfer im
Umland relativ unabhängig voneinander. Dies betraf
auch die nordöstliche Umgebung mit der Stadt Lichtenberg sowie
den Dörfern und Gutsbezirken des Landkreises Niederbarnim,
darunter Biesdorf, Falkenberg, Hellersdorf, Hohenschönhausen,
Kaulsdorf, Mahlsdorf, Marzahn und Wartenberg.
Doch schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts griff die
prosperierende Großstadt Berlin auch nach diesen Dörfern und
veränderte so das Gesicht des Barnim durch Eisenbahnstrecken, die
Anlage der Kanalisation und der Rieselfelder,
den Bau von großen Krankenanstalten soowie von ausgedehnten
Friedhofsanlagen.
Im Gebiet der heutigen Neubaubezirke Marzahn,
Hohenschönhausen und Hellersdorf waren dies die Frankfurter Bahn
vom Schlesischen Bahnhof nach Frankfurt/Oder mit dem Haltepunkt
Sadowa (heute Wuhlheide), die Ostbahn vom Ostbahnhof bis
Küstrin mit den Haltepunkten Friedrichsfelde, Biesdorf und Kaulsdorf,
die Wriezener Bahn von Lichtenberg nach Wriezen mit den Haltepunkten
Marzahn und Ahrensfelde, die Zweigstrecke der Ostbahn von
Rummelsburg nach Kaulsdorf sowie die Industriebahn von
Friedrichsfelde nach Tegel.
Genannt seien ebenso das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth
Herzberge und das heutige Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus in Biesdorf,
der ehemalige Magerviehhof Friedrichsfelde, die
Städtischen Friedhofe Friedrichsfelde und Marzahn sowie
der Ostfriedhof in Ahrensfelde.
Ein wichtiges für das Funktionieren der Großstadt Berlin
notwendiges Projekt war der Ausbau eines leistungsfähigen Kanalisationssystems
mit Rieselfeldern für die Klärung der Abwassermassen.
Nach Entwürfen des Stadtbaurates James Hobrecht und unter
Mitwirkung des bekannten Arztes Rudolf Virchow begann 1873
der Bau der unterirdischen Entwässerung. Im nordöstlichen Umland
erwarb der Magistrat ausgedehnte Flächen und legte Rieselfelder an.
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Nordkanal mit Industrieansiedlungen (Ausschnitt)
(Verlag Ernst Wasmuth AG 1911)
Eines der eindrucksvollsten Projekte zur Umgestaltung des
Nordostraumes war die Plannung eines Nordkanals. Die
Idee für seinen Bau entstand am Ende des 19. Jahrhunderts.
Er sollte die Spree von Köpenick über Biesdorf, Hohenschöhausen
und Tegel mit dem Tegeler See verbinden. Mit dem Kanal war auch
ein Aufschwung in der wirtschaftlichen Entwicklung des Nordostens
durch die Ansiedlung von Industrie-, Gewerbe- und Wohnstätten geplant.
Zur gleichen Zeit entstand auch die Idee für den 1901 bis 1909 gebauten
Teltow-Kanal im Süden von Berlin. Denkschriften für den Nordkanal gab
es 1882 von Gustav H. Schulze, 1898 vom Grundbesitzerverein
Nord-Berlins und im Jahre 1900 vom Königlichen Baurat
Düsing. Der Berliner Architektenverein hatte bereits
1886 die Preisaufgabe "Nord-Kanal" gestellt und für das
Schinkelfest 1901 wiederholt.
Auch in den Planungen für
den "Wettbewerb Groß-Berlin" war der Bau eines
Nordkanals vorgesehen, so in den preisgekrönten
Entwürfen von Brix, Genzmer und der Hochbaugesellschaft
sowie der Fa. Havestadt & Contag. In den
zwanziger und dreißiger Jahren gab es weitere
Untersuchungen und Planungen für den Nordkanal, u.a.
vom Regierungsbaurat Herbst und dem Wasser- und
Bahnbauamt von 1923. Alle Planungen des Kanals sahen
den Anfang in Köpenick und das Ende in Tegel vor, jedoch
mit unterschiedlicher Trassenführung. Die Länge des
Kanals lag zwischen 27,7 und 31 Kilometern. Es sollten bis
zu 6 Häfen und 3 Schleusen entstehen. Der Nordkanal
blieb eines der vielen nicht realisierten Vorhaben. Der
große städtebauliche Schub für den Nordosten blieb aus.
Teil 2 der Dokumentation