Interview von Hans Jürgen Zeume von der Marzahn-Hellersdorfer
Sportarbeitsgemeinschaft mit Petra Wermke, Vorsteherin der BVV Marzahn-Hellersdorf.
Nach dem Bildersturm nun eine Rückbenennung
In einer Ledertasche ruht bei der sportbegeisterten Vorsteherin der BVV
Marzahn-Hellersdorf Petra Wermke die Büste eines bekannten DDR-Olympiers:
Helmut Behrendt. Er war von 1953 bis 1973 Generalsekretär des NOK für die
DDR und wurde für seine Aktivitäten 1978 anlässlich der IOC-Session in
Montreal vom damaligen Präsidenten Lord Killanin mit dem Olympischen Orden
in Bronze geehrt. Im Frühjahr 1986 ehrte man ihn mit der Benennung der neuen
Schwimmhalle in der Neubauregion Marzahn und mit dem Aufstellen einer Büste,
die der Berliner Bildhauer Prof. Wieland Förster schuf. Diese war in den
Folgeerscheinungen des Wendeherbst 1989 entfernt worden wie auch der
Namenszug an der Eingangshalle.
Nun wird am 4. September an Behrendts zwanzigsten Todestag der Urzustand
wieder hergestellt. Büste und Namen kehren öffentlich feierlich zurück. Ein
Ereignis besonderer Art im Osten Deutschlands. Petra Wermke, die sich
besonders engagierte, erläuterte Hintergründe in nachstehendem Interview.
Frau Wermke, wie kam es zu der Idee der Rückbenennung, die auch den Segen
der BVV, des Bezirksamtes und der Bäderbetriebe erhielt?
Ausgangspunkt war ein Brief eines mir dazumal persönlich nicht bekannten
Marzahners. Er schrieb mir am 28. Januar 2005: Die Schwimmhalle in Marzahn
am Helene-Weigel-Platz hieß bis 1990 Schwimmhalle Helmut Behrendt.
Denkmalstürmer beseitigten den Namen und die vor der Schwimmhalle
aufgestellte Büste dieses Antifaschisten, der den Mut hatte, dem Faschismus
in Deutschland die Stirn zu bieten. Zwölf Jahre seines Lebens, während der
gesamten Nazizeit, war er dafür hinter Kerkermauern, die meisten Jahre davon
im Konzentrationslager Mauthausen. Trotz erlittener gesundheitlicher Schäden
stellte sich Helmut Behrendt 1945 sofort dem Neuaufbau des Sports in Berlin
zur Verfügung.
Aber dann gab es wohl eine Menge Trubel, weil die Suche nach der Büste
erfolglos blieb?
Stimmt. Bei meiner Recherche erfuhr ich, dass Frau Förster, die Gattin des
Künstlers, der die Büste schuf, 1999 in der Schwimmhalle am Springpfuhl war
und zusammen mit einem Angestellten nach der Büste suchte. Sie fanden sie
unversehrt und nicht beschädigt in einem hinteren Winkel des Abstellkellers.
Sie nahm sie mit nach Hause. Nach einem Zeitungsaufruf meldete sie sich.
Ihre Tochter Monika und ihr Sohn Udo werden am 4. September bei den
Feierlichkeiten dabei sein.
Feierlichkeiten, das verspricht eine Menge Prominenz. Oder?
Sportreporter Heinz Florian Oertel wird die Moderation haben, zur Begrüßung
wird unser Bezirksbürgermeister Dr. Uwe Klett sprechen, eine Rede wird Dr.
Günther Heinze halten, Nachfolger Behrendts als NOK-Generalsekretär, später
Präsident, Mitglied des IOC und heute dessen Ehrenmitglied. Der Fanfarenzug
Marzahn wird aufspielen, die sehr erfolgreichen Schwimmer von Medizin
Marzahn da sein wie auch einstige Olympiasieger des DDR-Sports. Wir erwarten
auch eine Menge Medienvertreter und viele Bürger unserer Stadt.
Wird die Rückbenennung der Schwimmhalle dem Sport der Region, der vor
allem auf den Breiten-, Gesundheits- und Seniorensport setzt, den Kinder-
und Jugendsport aber nicht vernachlässigt, neue Impulse geben?
Ich glaube nicht, obwohl wir mit dem neu erschlossenen und gestalteten
Wuhletal den größten Sportplatz Natur von Berlin anzubieten haben und sich
auch unsere 98 Vereine mit über 11.000 Mitgliedern sehen lassen können. Wir
als Politik betrachten die Rückbenennung als unseren Beitrag zum 60.
Jahrestag der Befreiung vom Hitlerfaschismus und als ein Stück
Geschichtspflege. In einem Buch "Die DDR bei Olympia" las ich, dass an der
Spitze des neugegründeten westdeutschen NOK der emigrierte Großherzog Adolf
Friedrich von Mecklenburg und der letzte Reichssportführer des
faschistischen Deutschland Ritter von Halt agierten. Als die Nazis 1936 die
Olympischen Spiele in Berlin veranstalteten, saß der einstige
Fichte-Arbeitersportler Helmut Behrendt hinter Kerkermauern in Brandenburg.
Was kostet die Rückbenennung?
Moderator und Redner wirken ohne Honorar. Es gab Spenden durch den Verein
Sport und Gesellschaft, von den Berliner Sportsenioren, durch das
Heimatmuseum, von der Sport-ArGe und dem Sportausschuß sowie das Deutsche
Sportmusem. Es gibt ein kleines Honorar für den Fanfarenzug.
Daß sie sehr sportbegeistert sind, das merkt man, aber woher haben sie Ihr
Wissen über Behrendt?
Ich bin ins Archiv des Neuen Deutschland gegangen und habe mich belesen und
Kopien gezogen. Ich habe daraus meine Schlüsse gezogen, dass er sehr beliebt
gewesen war. Die Leute sprechen mit Achtung von ihm, auch im Ausland. Und er
war so lange Generalsekretär. Was meine eigenen sportlichen Aktivitäten
angeht: ich wuchs in Storkow in einer der wasserreichsten Regionen
Deutschlands auf, mein Vater war Sportlehrer und begeisterter Segler. Auch
ich segelte eine H-Jolle und einen 20er Jollenkreuzer auf dem Storkower und
auf dem Scharmützel-See. Heute habe ich mich dem Salsa-Tanz verschrieben.
Einmal wöchentlich. So es geht, verpasse ich kein Großereignis in unserer
Region. Ich war auch beim 100. Geburtstag von Fortuna Biesdorf, weil ich
dort in der Nähe heute mit meinem Mann und meinen beiden Söhnen Felix und
Maxim lebe.
Geben Sie uns noch bitte ein paar Angaben zur Person.
Gern. Ich bin Jahrgang 1962, geboren in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben,
aufgewachsen in Storkow, Abiturientin, Studium der Gummitechnologie in
Moskau, Diplom-Ingenieurin, mit der kommunalen Politik seit 1995 verbunden,
seit 2000 BVV-Vorsteherin. Ich bin Mitglied der PDS und war Mitglied der
SED.
Interview: Hans-Jürgen Zeume
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